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Kategorie: " Rahmenbedingungen "

07. Mai 2015 | 16:47 Uhr | Stefanie Zatsch

Die Mäusestrategie

Stellen wir uns ein Labyrinth vor. In dem Labyrinth wohnen die beiden Mäuse Schnüffel und Wusel und die beiden Zwerge Grübel und Knobel. Alle vier essen für ihr Leben gern Käse. Und dieser Käse befindet sich in einer kleinen Kammer im Labyrinth. Die vier kennen den Weg genau und gehen Tag für Tag in die Käsekammer, um ihren Hunger zu stillen. Doch eines Tages – oh Schreck! – ist kein Käse mehr in der Käsekammer.

Irgendwie hatte sich das ja abgezeichnet, denn die Vorräte waren in der letzten Zeit merklich zurückgegangen. Aber bis jetzt hatte es immer irgendwann Nachschub gegeben. Die vier hatten sich nie groß darum gekümmert, denn es war ja immer reichlich genug Käse für alle vorhanden gewesen. “Seltsam”, bemerkte Knobel. “Was mag das wohl zu bedeuten haben?” Die Mäuse Schnüffel und Wusel zuckten nur mit ihren Mäuseschultern, zogen sich ihre Laufschuhe an – und weg waren sie. “Dumme Mäuse”, schimpfte Grübel. “Sobald kein Käse mehr da ist, laufen die einfach weiter, ohne groß nachzudenken.” Die Zwerge Grübel und Knobel hingegen versanken in tiefe Nachdenklichkeit, was das wohl alles zu bedeuten habe. All die Jahre hatte es immer Käse gegeben und jetzt nichts mehr. “Vielleicht will man uns auf die Probe stellen”, überlegte Knobel. “Vielleicht wollen die herausfinden, wie treu wir bei unserer Käsekammer bleiben”, ergänzte Grübel. “Nein, nein, wir geben nicht so schnell auf”, sagte Knobel. Doch auch am nächsten Tag war die Käsekammer leer. “Das finde ich jetzt nicht mehr lustig”, sagte Grübel gereizt. “Tag für Tag sind wir brav in die Käsekammer gekommen. Und mit einem Mal geben die uns einfach keinen Käse mehr. Das ist doch nicht in Ordnung!” Knobel gab ihm Recht. “Es gibt absolut keinen Grund uns keinen Käse mehr zu geben. Wir haben doch alles gemacht wie sonst auch. Wir haben uns überhaupt nicht verändert.” – “Wir haben einen Anspruch auf Käse”, ergänzte Grübel. Und mit großen Buchstaben schrieb er an die Wand der Käsekammer: “Wir fordern Käse.” Auch am Tag darauf gab es keinen Käse in der Käsekammer. “Was machen wir nun?”, fragte Knobel. “Die lassen uns einfach verhungern”, keuchte Grübel. “Das ist doch ein Skandal.” – “Vielleicht gibt es ja irgend woanders Käse”, gab Knobel zu bedenken. “Du willst doch wohl nicht einfach so durchs Labyrinth laufen wie Schnüffel und Wusel?”, fragte Grübel “Ich bin froh, dass ich den Weg zur Käsekammer gefunden habe.” – “Es gibt aber keinen Käse mehr in der Käsekammer”, sagte Wusel. “Es gab aber immer Käse in der Käsekammer. Und es wird auch wieder Käse in der Käsekammer geben. Wir müssen nur etwas abwarten”, gab Grübel zu bedenken. “Du hast Angst, die Käsekammer zu verlassen, stimmt’s?”, fragte Knobel. Grübel nickte. “Was würdest du denn tun, wenn du keine Angst hättest?”, bohrte Knobel weiter. “Würdest du dann nicht die Käsekammer verlassen?” Grübel schüttelte den Kopf. “Warum nicht?” – “Weil es Käse nur in der Käsekammer gibt”, antwortete Grübel. Knobel schrieb unterdessen an die Wand. “Es gibt Käse außerhalb der Käsekammer.” Als am nächsten Tag die Käsekammer immer noch leer war, fasste Knobel einen Entschluss: “Ich gehe den Käse suchen. Kommst du mit, Grübel?” Doch Grübel zitterte nur: “Das ist mir viel zu gefährlich. Im Labyrinth können wir uns so leicht verirren.” Knobel schüttelte den Kopf: “Es ist sicherer, selbst im Labyrinth zu suchen als hier ohne Käse zu sein.” – “Wer weiß”, sagte Grübel, “vielleicht kommt morgen schon wieder Käse.” – “Wenn ich zu lange darauf warte, dass die andern mir den Käse hinterher tragen, bin ich irgendwann zu schwach, um selbst danach zu suchen”, sagte Knobel bestimmt. Und damit verließ er die Käsekammer. Schon bei seinen ersten Schritten fühlte er sich leicht und frei. Er wusste, wenn es irgendwo in diesem Labyrinth Käse gab, dann musste er danach suchen. Eine ganz einfache Idee. Knobel fing an zu hüpfen und war neugierig auf die erste Kammer, die er finden würde.

Eine sehr freie Nacherzählung der berühmten Fabel von Spencer Johnson. 

Die Geschichte ist unter dem Titel „Die Mäusestrategie“ erschienen und füllt ein ganzes Buch. Sie ist eine gelungene Parabel, um das Verhalten bei Veränderungsprozessen anschaulich zu machen. Viele verharren in der ängstlich passiven Haltung wie der Zwerg Grübel und hoffen darauf, dass sich ihre „Käsekammer“ eines Tages doch noch wie von Geisterhand füllen wird. Andere merken, dass sich etwas geändert hat und dass es an ihnen liegt, selbst tätig zu werden, um unter den neuen Umständen zurechtzukommen. Sie selbst müssen neue Wege beschreiten, denn es gibt niemanden, der ihnen den Weg weist. Auch interessant ist die Reaktion der beiden Mäuse, die nicht einmal über die Gründe nachdenken, sondern sich sofort auf die Suche nach neuem Käse machen. Die Fabel fordert nachdrücklich dazu auf, Verantwortung zu übernehmen, denn auch wenn ungewiss ist, ob der Zwerg Knobel tatsächlich irgendwo Käse findet, sein Freund Grübel wird ganz sicher verhungern, wenn er nicht irgendwann doch einmal die alte Käsekammer verlässt.

Ein Beitrag vom „Mäuselabor“ aus Stuttgart

Herzlichst Ihre Stefanie Zatsch
Dental-Labor Breindl